Satire und Kommentar · 28.09.2026

Flucht aus dem goldenen Käfig

Die UBS droht, die Schweiz zu verlassen. Endlich ein Zellengenosse, der reicher ist als ich.

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Satirische Illustration: UBS in einem offenen goldenen Käfig, während ausländische Banken auf den Stufen in Zürich warten.
UBS im goldenen Käfig. Satirische Illustration des Autors.

Jahrelang fühlte ich mich allein. Ich, ein Neapolitaner zwischen den Alpen, der sich über den goldenen Käfig beklagt: die obligatorische Ruhe nach zehn Uhr abends, die Waschküche, die mit der Feierlichkeit einer Herztransplantation reserviert wird, der Zettel des Nachbarn – anonym, in Druckbuchstaben und mit Verweis auf die Hausordnung –, weil das grüne Glas im Container für braunes Glas gelandet war. Ich dachte, das Problem sei ich. Der Südländer, der sich nicht integriert. Dem man mit unendlicher Geduld erklärt, dass «man das bei uns nicht so macht».

Dann entdeckte ich diese Woche einen illustren Zellengenossen. Hundertvierundsechzig Jahre Geschichte, eine Bilanzsumme von ungefähr dem Doppelten des Schweizer BIP, ein Logo mit drei Schlüsseln und ein Name, der bis vorgestern ein Synonym für die Schweiz war, wie Schokolade, Uhren und jene Konten, über die man beim Abendessen lieber nicht spricht. UBS.

Auch die UBS will weg. Auch der UBS stehen die Gitterstäbe zu eng.

Willkommen im Club, meine Liebe. Hier wird Punkt zwölf zu Mittag gegessen, und Beschwerden sind dreifach einzureichen.

Was geschehen ist

Eine Zusammenfassung für alle, die ihre Abende nicht mit den Protokollen des Ständerats verbringen (Glückliche). Am 23. September beschloss die kleine Kammer des Parlaments, dass die ausländischen Tochtergesellschaften der UBS künftig zu 90 Prozent mit CET1-Kapital unterlegt sein sollen – echtem Kapital, das man nicht mit einer Excel-Tabelle herbeizaubert und das, anders als Versprechen, am Montagmorgen noch vorhanden ist. Derzeit gilt eine Kombination aus 45 Prozent CET1 und 17 Prozent AT1-Anleihen. Nach Berechnungen der Bank wären das rund 16 Milliarden Dollar zusätzlich. Rechnet man die seit der Credit-Suisse-Übernahme bereits fälligen Beträge hinzu, kommt man auf etwa 30 Milliarden, bei geschätzten jährlichen Kosten von 2,5 Milliarden.

Anders gesagt: Man verlangt von jemandem, der das abgebrannte Haus des Nachbarn für einen Spottpreis gekauft hat, wenigstens einen Feuerlöscher zu installieren. Und schon bricht der Himmel zusammen.

Am nächsten Tag meldet Semafor, pünktlich wie ein SBB-Zug an einem guten Tag, dass man in der UBS-Spitze wieder darüber spricht, sich der Schweizer Aufsicht zu entziehen. Vielleicht durch eine Fusion, die elegante Bankenversion von «Ich nehme einen anderen Nachnamen an». Luxuskandidat: Morgan Stanley, die seit Längerem auf die rund sieben Billionen Dollar verwalteter Vermögen der UBS schaut wie eine Katze auf ein Aquarium. Günstigere Alternativen: Standard Chartered oder Deutsche Bank. Wie im Restaurant, wenn der Sommelier Ihren Gesichtsausdruck sieht und auch noch den Hauswein empfiehlt.

Am Freitag steigt die Aktie um 3,5 Prozent. Lesen Sie das in Ruhe noch einmal: Die Anleger feiern die Vorstellung, dass die Schweizer Bank schlechthin aufhören könnte, schweizerisch zu sein. Bei einer Hochzeit wäre das der Moment, in dem die Gäste die Ankündigung der Scheidung beklatschen, aufstehen und nach der Nummer des Anwalts fragen. Als Werbung für Swissness taugt das nur bedingt.

Eine kurze Erinnerung (für alle mit kurzem Gedächtnis, also für alle)

März 2023. Die Credit Suisse geht unter. An einem einzigen Wochenende – nationaler Geschwindigkeitsrekord in einem Land, in dem man für die Verlegung einer Tramhaltestelle eine Vernehmlassung, zwei Beschwerden und eine Abstimmung braucht – verpackt der Staat die Rivalin und schenkt sie, pardon, verkauft sie der UBS für rund drei Milliarden Franken. Dazu gibt es eine öffentliche Garantie von neun Milliarden und einen Berg Liquidität der Nationalbank. Die Credit-Suisse-Aktionäre bekommen die Krümel, die AT1-Gläubiger werden auf null gesetzt, und die UBS wird zur einzigen Schweizer Bank von globalem Format. Zu gross, um zu scheitern. Zu gross, um ein zweites Mal gerettet zu werden. Vor allem zu gross, um sich ein Nein gefallen zu lassen.

Drei Jahre später steht der Bund mit dem Hut in der Hand da – wohlgemerkt: Er ist es, der höflich fragt: Wenn du fällst, fallen wir alle; könntest du also ein wenig Kapital zurücklegen? Und die Bank bezeichnet laut Finanzministerin sämtliche Vorschläge als extrem. Extrem. Gesagt von einem Institut, dessen Bilanz doppelt so gross ist wie die Wirtschaft, die es beherbergt.

Das ist der goldene Käfig von innen nach aussen gekehrt. Wenn man gerettet werden muss, ist man Schweizer bis ins Mark, das weisse Kreuz aufs Herz tätowiert. Wenn die Versicherungsprämie fällig wird, entdeckt man plötzlich seine Berufung als Weltbürger, staatenlos aus Überzeugung, niemandes Kind.

Quanno 'a banca chiagne, 'o contribuente paga. Wenn die Bank weint, zahlt der Steuerzahler.

Der ehrlichste Satz des Jahres

Jetzt kommt der Moment, für den sich die ganze Woche lohnt, vielleicht sogar die ganze Legislatur. Im Interview mit der Aargauer Zeitung erinnert Karin Keller-Sutter an die Zugeständnisse, die man der Bank bereits gemacht hat, und stellt dann mit der Stimme fest, mit der man die Öffnungszeiten der Post verliest, die UBS habe alles auf eine aggressive Strategie gesetzt, wohl in der Annahme, sie werde sich im Parlament ohnehin durchsetzen. Schliesslich sei das «in der Vergangenheit immer so gewesen».

Halten wir inne und lesen wir das noch einmal. Das sagte kein Aktivist in Sandalen auf dem Paradeplatz. Das sagte kein mürrischer Neapolitaner mit einem Buch, das er verkaufen will (ähem). Das sagte die Finanzministerin des Bundes: Wenn die Bank im Spiel war, gab ihr das Parlament für gewöhnlich recht. Für gewöhnlich. Eigentlich immer. In den Ländern, denen die Schweiz so gern Lektionen über gute Regierungsführung erteilt, gibt es für dieses Phänomen einen Fachbegriff. Hier heisst es Tradition.

In Italien hätte ein solcher Satz drei Talkshows, zwei Untersuchungskommissionen, eine parlamentarische Anfrage und ein Meme mit dem Gesicht der Ministerin ausgelöst. In der Schweiz war es Samstag: Am Dienstag landete die Zeitung im Altpapier, gefaltet, mit Schnur gebündelt und um Punkt sieben auf den Gehweg gestellt, ganz nach Gemeindereglement. Hier wird auch der Skandal recycelt.

Die Marke am Käfig

Die Ministerin fügt ein köstliches Argument hinzu: Ausserhalb der Schweiz wäre die UBS keine Schweizer Bank mehr. Dabei beruhe ihr ganzes Geschäftsmodell auf Swissness, Rechtsstaatlichkeit und politischer Stabilität.

Rechtsstaatlichkeit, gewiss. Jene, die im März 2023 mit einer Notverordnung an einem Sonntagnachmittag Milliarden an Anleihen verdampfen liess. Äusserst stabil. Vor allem für diejenigen auf der richtigen Seite des Tisches.

Und dann die Swissness. Merken Sie sich dieses Wort, denn es ist der Schlüssel zu allem. Die Schweiz ist kein Land: Sie ist eine eingetragene Marke, und die Marke kann man mieten. Fragen Sie Toblerone: Als ein Teil der Produktion in die Slowakei verlegt wurde, musste das Matterhorn von der Verpackung verschwinden. Ob die UBS wohl die drei Schlüssel aus ihrem Logo entfernen muss – Vertrauen, Sicherheit, Diskretion?

Drei Schlüssel. Ausgerechnet sie hatten die Schlüssel zum Käfig immer in der Tasche. Und jetzt drohen sie, sie mitzunehmen, wie ein Mieter, der auszieht, ohne den Schlüsselbund der Verwaltung zurückzugeben.

Wer gehen kann und wer nicht

Denn der goldene Käfig hat durchaus eine Tür. Sie öffnet sich nur nicht für alle gleich.

Wer ein gewöhnlicher Mensch ist, den begrüsst die Schweiz mit einer B-Bewilligung, später vielleicht einer C-Bewilligung, einem Integrationstest, bei dem man die Tage der Altpapiersammlung auswendig kennen muss, einem Mietvertrag mit drei Monaten Kündigungsfrist zu festen Terminen und einer Hausordnung, die länger ist als die Bundesverfassung. Verliert man die Arbeit, wackelt die Bewilligung. Beschwert man sich, ist man undankbar. Droht man wegzugehen, hilft man einem beim Packen und erinnert daran, die Wohnung sauber zurückzugeben und die Nagellöcher zu verspachteln.

Ist man hingegen eine Grossbank, droht man wegzugehen und die Aktie gewinnt 3,5 Prozent. Und die Ministerin erinnert nicht an die Nagellöcher, sondern gibt ein Interview, um zu erklären, dass es draussen schlechter wäre.

Für uns Normalsterbliche ist die Schweiz ein Käfig. Für Menschen mit genügend Kapital ist sie ein Fünfsternehotel: Man frühstückt, setzt die Marke auf den Briefkopf, bestellt eine Rettung aufs Zimmer und droht beim Bezahlen, das Hotel zu wechseln. Das Personal entschuldigt sich selbstverständlich für die Unannehmlichkeiten.

Die Sprache des Abschieds

Die Bank hatte uns ohnehin vorbereitet, mit der Feinfühligkeit eines flüchtenden Liebhabers. Januar 2025, Konzernchef Sergio Ermotti: Die Schweiz zu verlassen, stehe in dieser Phase gar nicht zur Debatte. September 2026, Verwaltungsratspräsident Colm Kelleher beim Bankiertreffen in St. Gallen: Man wolle bleiben, aber falls man nicht mehr wettbewerbsfähig sei, müsse man selbstverständlich darüber nachdenken. Das ist die Bankenversion von «Es liegt nicht an dir, sondern an mir». Der Scheidungsanwalt sitzt bereits im Wartezimmer.

Im vergangenen Jahr diagnostizierte derselbe Kelleher der Schweiz in Hongkong eine Identitätskrise. Wenn eine Bank, die je nach Angebot erwägt, amerikanisch, deutsch oder britisch zu werden, über Identität spricht, ist das wie Treueunterricht bei Casanova. Kelleher kommt übrigens von Morgan Stanley. Das wird Zufall sein. In der Schweiz sind Zufälle das Einzige, was nie pünktlich kommt.

Was die Treue betrifft, kann die Bank einen Lebenslauf vorweisen. 2009 zahlte sie, von den amerikanischen Steuerbehörden bedrängt, 780 Millionen Dollar und lieferte Washington die Namen Hunderter Kunden, die die Schweiz gerade wegen ihrer sprichwörtlichen Verschwiegenheit gewählt hatten. Vertrauen, Sicherheit, Diskretion: Der dritte Schlüssel hatte an jenem Tag frei.

Wie es enden wird

Die Ministerin versichert, ein Wegzug wäre viel teurer und rechtlich kompliziert; nach der Abstimmung habe sie Ermotti nicht angerufen, weil es keinen Grund dafür gebe; und im November werde sie Kelleher treffen, allerdings nicht zum Verhandeln: Das Dossier liege beim Parlament. Auf Schweizerdeutsch übersetzt: Ruhe bewahren, Verfahren einhalten, protokollieren, danach zum Apéro.

Gewiss, jenseits des Atlantiks – so wurde schon im vergangenen Jahr gemunkelt – wartete ein grosszügigeres regulatorisches Umfeld. Grosszügiger als in der Schweiz. Als ich das las, musste ich mich setzen.

Ich wette trotzdem, dass die UBS nicht weggeht. Niemand verlässt den goldenen Käfig wirklich. Man droht, verhandelt, feilt an den Nachkommastellen und findet einen Kompromiss, der alle mit uhrwerkartiger Präzision enttäuscht. Und am Ende bleibt man, weil die Welt draussen nicht so ordentlich, so diskret und so verständnisvoll mit Menschen ist, die Geld haben.

Ich weiss es. Ich habe es selbst versucht.

Aus dem System steigt man nicht aus. Man wird ein Teil davon. Das gilt für einen Neapolitaner, der den gepackten Koffer stets unter dem Bett bereit hält, und offenbar auch für eine hundertvierundsechzig Jahre alte Bank.

Alles funktioniert. Genau das ist das Problem.

Von goldenen Käfigen, Systemen, die allzu gut funktionieren, und denen, die darin bleiben, erzähle ich in Die Schweiz, der goldene Käfig von Leonardo Mascia.

Quellen und Einordnung

Fusion und Wegzug sind von Semafor berichtete Möglichkeiten, keine von der UBS angekündigten Beschlüsse. Die zusätzlichen Kapitalbeträge sind Schätzungen der Bank. AT1-Anleihen wurden 2023 abgeschrieben; 2025 hob das Bundesverwaltungsgericht die entsprechende FINMA-Verfügung auf. Die FINMA hat dagegen Beschwerde eingelegt.

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Die Schweiz, der goldene Käfig