Satire und Kommentar · 25.10.2026
SBB: Hundert Franken für mich. Bei neun Millionen: siebzehn Jahre Tiefschlaf.
Mein Billett fehlte. Ihre Kontrollen auch. Aber die Rechnung bekam erst einmal ich.
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Vor Corona fuhr ich jeden Tag mit einem Monatsabo ins Büro. An ein Billett musste ich nur einmal im Monat denken. Dann kam das Homeoffice, und diese Gewohnheit fiel weg.
Am ersten Tag zurück im Büro vergass ich, ein Billett zu kaufen. Es war mir schlicht entfallen: Nach Monaten zu Hause hatte ich kein Abo mehr und hätte an das Billett für diese eine Fahrt denken müssen.
Die Kontrolle hingegen vergass nichts.
Hundert Franken Busse.
Pünktlich. Präzise. Die Schweizer Effizienz sass neben mir, die Rechnung bereits zur Hand.
Deshalb las ich mit besonderem Interesse vom ehemaligen SBB-Kadermann, der laut Bundesanwaltschaft gemeinsam mit anderen Personen zwischen 2007 und 2024 einen Schaden von fast 8,7 Millionen Franken verursacht haben soll. Siebzehn Jahre. [1]
Ich hatte ein Billett vergessen. Sie hatten offenbar vergessen, im eigenen Haus nachzusehen.
Laut Anklage wurden Rechnungen für Lieferungen bezahlt, die grösstenteils nie stattgefunden hatten. In einigen Fällen kam Ware an: für die SBB nutzlos und zu überhöhten Preisen verrechnet. [2]
Der Fahrgast muss nachweisen, dass er zu Recht im Zug sitzt. Bei der Ware hätte es offenbar genügt, auf dem Papier aufzutauchen. Tatsächlich zu existieren war anscheinend optional.
Blick beschreibt ein Haus in Florida für 435’000 Franken und dreizehn Fahrzeuge, darunter einen Lamborghini für 400’000 Franken. Eine Flucht nach Florida ist nicht belegt: Der Mann wurde im November 2024 in Olten festgenommen. [3]
Ein Lamborghini. Wer unauffällig pendeln will, fängt schliesslich genau da an.
Ebenfalls laut Blick schlugen die SBB erst nach einem Hinweis von aussen Alarm, der von einem Bekannten des Kadermanns kam. [4]
Jemand von aussen hätte der grossen Präzisionsmaschine also erklären müssen, wo sie hinschauen soll. Man könnte die Durchsagen ergänzen: «Geschätzte Reisende, behalten Sie bitte neben Ihrem Gepäck auch unsere Buchhaltung im Auge.»
Bei mir reichte die Frage nach einem Billett. Im Unternehmen musste man Bestellungen, Rechnungen und Lieferungen prüfen. Kurz: arbeiten. Weit weniger befriedigend, als der Kundschaft eine Lektion zu erteilen.
Bürokratische Dummheit hat dieses Talent: Sie verwechselt die Leichtigkeit, jemanden zu bestrafen, mit der Fähigkeit, etwas zu kontrollieren. Wenn die Arroganz in der ersten Klasse reist, kann die Kompetenz offenbar seelenruhig auf dem Perron bleiben.
Und dann die Krönung: Ein Teil der vorgeworfenen Taten ist bereits verjährt. Die vorgeworfene deliktische Bereicherung reduziert sich laut Bundesanwaltschaft damit auf rund fünf Millionen Franken. [1]
Der Kalender funktionierte besser als die internen Kontrollen.
Für mich hundert Franken bei der ersten Fahrt. Für die Millionen siebzehn Jahre und ein Hinweis von aussen.
Das Problem ist dieser Oberlehrerton, mit dem dir das System erklärt, dass Regeln nun einmal Regeln sind. Dann stellt sich heraus: Während es dich korrigierte, schlief es bei den eigenen Hausaufgaben.
Mein Billett fehlte. Ihre Kontrollen auch. Aber die Rechnung bekam erst einmal ich.
Quellen und redaktioneller Hinweis
Text vom 25. Oktober 2026. Zum Zeitpunkt der Abfassung war der Prozess vor dem Bundesstrafgericht ab dem 27. Oktober 2026 angesetzt. Für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung. [5]
- Bundesanwaltschaft — Medienmitteilung vom 27. Februar 2026.
- SRF — Anklage gegen den ehemaligen SBB-Mitarbeiter und das Rechnungssystem, 27. Februar 2026.
- Blick — Haus in Florida und Luxusfahrzeuge, 18. Oktober 2026; Blick — Festnahme in Olten und Hintergründe zum Fall, 18. Oktober 2026.
- Blick — Der Hinweis von aussen, 18. Oktober 2026.
- Bundesstrafgericht — Verhandlungstermine, Verfahren SK.2026.7.
Das persönliche Erlebnis und die Höhe der Busse werden so wiedergegeben, wie der Autor sie geschildert hat; sie beschreiben nicht die heutigen Tarife.