Satire und Kommentar · 15.10.2026

Halt, diese Schale kommt von zu Hause

In der Schweiz muss auch der Abfall wissen, wo sein Platz ist, während der gesunde Menschenverstand warten kann.

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Satirische Illustration: Zwei Schweizer Polizisten verfolgen eine Einkaufstüte mit Haushaltsabfall auf einer Zürcher Strasse.
Operation Salatschale, Zürich: Die Tüte flieht, die Eidgenossenschaft reagiert. Satirische Illustration.

Es fehlt nur noch die Musik von Benny Hill.

Stellen Sie sich die Szene vor: Ein Passant tritt an einen öffentlichen Abfalleimer, wirft etwas hinein und geht weiter, während zwei Gemeindemitarbeiter, denen die Sache aufgefallen ist, beschliessen, einzugreifen. Sie rennen los. Sie holen ihn ein. Sie halten ihn an. Einer behält den Verdächtigen im Auge, der andere kehrt an den Ort der Entsorgung zurück, öffnet den Abfalleimer, wühlt darin und zieht eine Plastikschale heraus: das Beweisstück.

«Gehört das Ihnen?»

«Ja.»

«Woher kommt das?»

«Von zu Hause.»

Das Geständnis liegt vor, ohne dass überhaupt die Verhörlampe eingeschaltet werden muss.

An dieser Stelle würde Loriot in die Kamera blicken, Dieter Hallervorden hätte Mühe, ernst zu bleiben, und Gerhard Polt hätte daraus einen Sketch gemacht, während die Mitarbeiter bereits genug Material für ein Protokoll haben. Die Pointen können wir uns ausdenken, die Bussen wurden längst verhängt.

Die Schale auf frischer Tat ertappt

Das französische Fernsehen hat diese Kontrollen tatsächlich gezeigt, in einer Ausgabe von Enquête exclusive über die Schweiz, die M6 im September 2022 ausstrahlte. Darin waren auch Gemeindemitarbeiter zu sehen, die in Lausanne schon bei Tagesanbruch auf der Lauer lagen, um Leute aufzuspüren, die ihren Abfall in die falschen Behälter warfen. [6][7]

Bereits im Oktober 2021 berichtete Lausanne Cités von einer 73-jährigen Rentnerin, die mit 150 Franken gebüsst wurde, weil sie eine Plastikschale in einen öffentlichen Abfalleimer geworfen hatte. Die Mitarbeiter hatten die Schale herausgeholt und fotografiert, und die Frau hatte bestätigt, den Behälter von zu Hause mitgebracht zu haben. [1]

Mit dreiundsiebzig Jahren, einer Einkaufstasche und einer leeren Verpackung entsprach sie damit offenbar einem Profil, das ein Eingreifen rechtfertigte.

Stellen Sie sich nun die Rückkehr ins Büro vor.

«Wie lief es?»

«Plastik aus Privathaushalt, Person kooperativ.»

Das Foto der Schale ist ein besonders schönes Detail, denn endlich gibt es ein Beweismittel, das nicht nachträglich seine Aussage ändert: Der Salat ist bereits tot und die Verpackung hat kein Alibi.

Die Grenze verläuft beim letzten Bissen

Im Januar 2022 berichtete Blick von einem weiteren Fall, einer Ladeninhaberin, die einen Salat zum Mitnehmen in ihrer Boutique in Lausanne gegessen und die Verpackung anschliessend in den Abfalleimer vor dem Geschäft geworfen hatte. Zwei Gemeindemitarbeiter gingen ihr nach, öffneten den Abfalleimer und beanstandeten ihr Verhalten, auch für sie wurden hundertfünfzig Franken fällig. [2]

Sie hatte im Warmen gegessen, was für ein Leichtsinn.

Die Stadt erklärte, öffentliche Abfalleimer seien für kleine Abfälle vorgesehen, die unterwegs im öffentlichen Raum entstehen, deshalb hätte die Ladeninhaberin, die ihren Salat drinnen gegessen hatte, den Abfall über ihr Geschäft entsorgen müssen. [2]

Die Geografie des letzten Bissens entschied über das Schicksal der Verpackung: dasselbe Plastik, derselbe Salat, derselbe Abfalleimer, dazwischen eine Tür und ein Unterschied von 150 Franken.

An diesem Punkt sollte man neben der Kalorienangabe auch einen Katasterplan auf die Schale drucken, damit der Verbraucher wenigstens selbst entscheiden kann, wo er kauen will.

Ehrlichkeit kooperiert mit den Behörden

Dazu kommt die Bereitschaft der Angehaltenen, alles zu erklären, mit einer für die Verwaltung höchst einträglichen Arglosigkeit: Ja, die gehört mir, ja, ich habe sie von zu Hause mitgebracht, ja, ich dachte, man dürfe sie wegwerfen.

Der Bürger erklärt die Herkunft der Schale, weil er glaubt, ein Missverständnis aufzuklären, während sein Gegenüber mitschreibt, und für ein paar Sekunden wirkt das Gespräch sogar wie eine Begegnung zwischen vernünftigen Menschen, zumindest bis der Betrag genannt wird.

Die Rentnerin hatte eine Erklärung geliefert, während das System die Bestätigung erhalten hatte, die es brauchte, in einer vorbildlichen Zusammenarbeit, bei der beide Seiten überzeugt waren, die jeweils andere würde verstehen, worum es ging.

Der Platz im Abfalleimer ist begrenzt, der Irrsinn greift um sich

Eine offizielle Begründung gibt es: Haushaltsabfall muss über das System der gebührenpflichtigen Abfallsäcke entsorgt werden. Wer systematisch öffentliche Abfalleimer benutzt, umgeht dieses System und nimmt den Abfällen der Passanten den Platz weg. [2][3]

Bis hierhin lässt sich der Sinn der Regel nachvollziehen, dann taucht eine einzige Schale auf und der Apparat macht sich mit einer Hingabe ans Werk, die eine anspruchsvollere Aufgabe verdient hätte.

Es wird geöffnet. Es wird kontrolliert. Es wird dokumentiert. Die Herkunft wird festgestellt. Der Betrag wird berechnet.

Die Schale ist leer, aber die Akte verspricht einiges.

In Basel sieht der im September 2026 aktualisierte Bussenkatalog 100 Franken für das Entsorgen von Haushaltsabfall in öffentlichen Abfalleimern vor. [4] In Winterthur wurden im Januar 2025 Patrouillen angekündigt, die beobachten sollten, was in den Abfalleimern landet, auch an Bushaltestellen. [5]

Einer wartet auf den Bus, der andere wartet darauf, dass der Erste etwas aus seiner Tasche zieht: Die Haltestelle hat endlich ein Unterhaltungsprogramm.

Liebe Schweizer, wenn ihr als Vorbild in Sachen Effizienz ernst genommen werden wollt, solltet ihr zumindest aufhören, Loriot kostenlos Drehbücher zu liefern.

Zwei Menschen können eine Vorschrift perfekt anwenden und damit ein ganzes Amt dem Gelächter preisgeben, solange sich während der Aktion niemand fünf Sekunden nimmt, um das Ganze einmal von aussen zu betrachten.

Die Strasse war sauber, die Verpackung lag im Abfalleimer, nur der Bürger musste noch auf seinen Platz verwiesen werden.

Im goldenen Käfig muss selbst eine Plastikschale ihren Platz kennen. Der gesunde Menschenverstand muss längst entsorgt worden sein, im richtigen Sack, versteht sich.

Quellen und redaktioneller Hinweis

Die Verfolgungsszene am Anfang und die Dialoge sind satirische Rekonstruktionen, keine Transkriptionen des Fernsehbeitrags. Die geschilderten Fälle, die Daten und die Höhe der Bussen sind durch die folgenden Quellen dokumentiert.

  1. Lausanne Cités · 24.10.2021
  2. Blick · 21.01.2022
  3. Ville de Lausanne · Règlement communal sur la gestion des déchets
  4. Kanton Basel-Stadt · Abfall-Ordnungsbussen · 09.09.2026
  5. SRF · Winterthur · 06.01.2025
  6. INA · Enquête exclusive, M6 · 18.09.2022
  7. Blick · Enquête exclusive · 21.09.2022

Diese Geschichte geht weiter in

Die Schweiz, der goldene Käfig